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Nachwuchsmangel in der ambulanten Versorgung

Statement des KVB-Vorstands zum Start der Kampagne „Hausärzte vor dem Aus!“ des Bayerischen Hausärzteverbands, 21.11.2011:

"Auch wenn es noch immer von einigen Krankenkassenvertretern und Politikern negiert wird: Wir steuern derzeit auf einen Ärztemangel im ambulanten Bereich zu. Dieses Problem betrifft sowohl den hausärztlichen als auch den fachärztlichen Versorgungsbereich. Angesichts des relativ hohen Durchschnittsalters der Niedergelassenen ist es jetzt höchste Zeit, effektive Maßnahmen einzuleiten, um medizinischen Nachwuchs für die Niederlassung zu gewinnen und so einer Ausdünnung der ambulanten Versorgungslandschaft in Bayern entgegenzuwirken. Das Netz von Praxen niedergelassener Haus- und Fachärzte sowie Psychotherapeuten ist der Garant für eine qualitativ hochwertige flächendeckende wohnortnahe medizinische Versorgung der Bürger im Freistaat. Doch wenn Ärzte altersbedingt ihre Praxistätigkeit beenden und keinen jungen Kollegen zur Nachbesetzung der Praxis finden, wird die ambulante Versorgung auf ihrem heutigen Niveau nicht mehr aufrechtzuerhalten sein. Für unsere Patienten würde das bedeuten: Die Wege zum Arzt und die Wartezeiten auf einen Termin werden länger.

Insofern begrüßen wir Initiativen wie zum Beispiel die Kampagne des Bayerischen Hausärzteverbands (BHÄV). Es ist gut, dass das Thema Nachwuchsmangel in der ambulanten Versorgung offensiv thematisiert und in aller Öffentlichkeit dargestellt wird. Denn nur, wenn allen Akteuren im Gesundheitswesen und auch den Politikern auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene klar ist, dass uns ein Ärztemangel droht, können wir gemeinsam gegenlenken. Dabei sind Politik, Krankenkassen, Ärztekammer, KV und Berufsverbände gleichermaßen gefragt, Mittel gegen den Nachwuchsmangel im ambulanten Bereich zu entwickeln und umzusetzen.

Ein zentraler Punkt ist das Maß der Arbeitsbelastung. Es braucht Arbeitszeitmodelle, bei denen die Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben gegeben ist. Auch hinsichtlich des Bereitschaftsdienstes, den die Niedergelassenen neben ihrer Praxistätigkeit leisten, sind neue Modelle gefragt, um die Arbeitslast des einzelnen Arztes auf ein familienfreundlicheres Maß zu reduzieren. Ein weiterer wichtiger Punkt ist ein leistungsgerechtes, angemessenes und transparentes Honorar. Nur wenn die Niederlassung in eigener Praxis auch eine wirtschaftliche Perspektive bietet, werden junge Mediziner den Schritt in die Freiberuflichkeit wagen. Ein dritter Punkt ist die Lebensqualität insbesondere im ländlichen Raum. Damit junge Ärzte das persönliche und wirtschaftliche Risiko eingehen, sich dort niederzulassen, müssen diese Regionen Arbeitsplätze für den Partner, Kindergärten und Schulen sowie Einkaufsmöglichkeiten und kulturelle Einrichtungen bieten.

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) tut viel, um dem Nachwuchsmangel im ambulanten Bereich entgegenzuwirken. Neben der Förderung des einzigen Lehrstuhls für Allgemeinmedizin in Bayern führen Mitarbeiter der KVB zahlreiche Beratungsgespräche mit an der Niederlassung interessierten Ärzten einerseits und Ärzten, die ihre Praxis in absehbarer Zeit abgeben möchten, andererseits. Dabei setzt die KVB alles daran, bestehende Arztsitze nach Möglichkeit zu erhalten. In Zusammenarbeit mit Bürgermeistern, Landräten und vielen weiteren Akteuren vor Ort kämpft die KVB um den Erhalt jeder Praxis. Letztlich sind es jedoch der Landesausschuss und die acht Zulassungsausschüsse in Bayern, die über Neuniederlassungen und Praxisnachbesetzungen entscheiden. Dabei sind diese von der KV unabhängigen, mit Krankenkassen-, Ärzte- und Patientenvertretern besetzten Gremien an die derzeit bundesweit gültige Bedarfsplanungsrichtlinie gebunden. Diese Bedarfsplanungsrichtlinie, die vom Gemeinsamen Bundesausschuss in Berlin beschlossen wurde und deren Grundzüge aus den 90er Jahren stammen, ist jedoch völlig ungeeignet, die heutige Versorgungssituation sowohl hinsichtlich des Angebots als auch hinsichtlich der Nachfrage realistisch abzubilden.

Unsere zentralen Kritikpunkte an der derzeit gültigen Bedarfsplanungsrichtlinie: Die Verhältniszahlen, welche Region mit soundsovielen  Einwohnern wie viele Ärzte je Fachrichtung braucht, stammen aus den 90er Jahren. Sie berücksichtigen weder die demographische Entwicklung bei Patienten und Ärzten noch die Entwicklung der Morbidität der Patienten noch die veränderten Arbeitszeiten aufgrund des Wunschs nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Somit bleiben in der aktuellen Bedarfsplanung wichtige Variablen wie das Alter, die Krankheitslast und die Arbeitszeit, die geleistet werden kann, schlicht unberücksichtigt. Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Bedarfsplanung als Barometer der ambulanten Versorgung völlig ungeeignet.

Nur wenn wir regional mehr Möglichkeiten bekommen, die Versorgungssituation vor Ort zu analysieren, werden wir ein realistisches Bild der echten Verhältnisse bekommen. Und nur wenn wir regional mehr Möglichkeiten bekommen, mit geeigneten Maßnahmen die Versorgung zu steuern, werden wir dem drohenden Ärztemangel im ambulanten Bereich effektiv begegnen können."

Statement des Vorstands der KVB vom 21.11.2011

Zum Start der Kampagne „Hausärzte vor dem Aus!?“ des Bayerischen Hausärzteverbands

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