Presseinformation KVB-Vertreterversammlung warnt vor Fehlentwicklungen im Gesundheitssystem
München, 16. März 2026: Die Vertreterversammlung (VV) der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) hat sich in ihrem Treffen am vergangenen Freitag intensiv mit der aktuellen gesundheitspolitischen Lage und den Herausforderungen für die ambulante Versorgung beschäftigt. Dabei äußerten die Mitglieder der VV unter Leitung von Dr. Petra Reis-Berkowicz deutliche Kritik an den Krankenkassen, die auf Bundesebene für eine Absenkung der Honorare in der psychotherapeutischen Versorgung zum 1. April um 4,5 Prozent gesorgt hatten. Einstimmig wurde in der VV ein Antrag verabschiedet, der auf eine Rücknahme der Entscheidung des Erweiterten Bewertungsausschusses abzielt. Allgemein wurde dessen Entscheidung als Vorbote von Entwicklungen gesehen, die aus Sicht der Vertragsärzteschaft die Patientenversorgung gefährden können.
Die Vertreterversammlung betonte die enorme Leistungsfähigkeit des ambulanten Sektors. Rund 97 Prozent aller Patientenanliegen werden in Deutschland im ambulanten Bereich behandelt. Das entspricht etwa 600 Millionen Behandlungsfällen pro Jahr. Trotz dieses klaren Übergewichts in der medizinischen Versorgung verursacht der ambulante Bereich lediglich 16 Prozent der Gesamtkosten im Gesundheitswesen. Statt diesen hocheffizienten Versorgungsbereich weiter zu stärken, würde den niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten zunehmend neue Einschränkungen auferlegt, wie der Vorstand der KVB – Dr. Christian Pfeiffer, Dr. Peter Heinz und Dr. Claudia Ritter-Rupp – kritisch anmerkte.
Zuvor hatte der Vorstand in seinen Vorträgen auch dargelegt, dass es immer mehr politische Bestrebungen gibt, originär medizinische Leistungen außerhalb der Arztpraxen zu verlagern – etwa in Apotheken oder zu digitalen Anbietern. "Apotheken sind wichtig in der Arzneimittelversorgung. Sie haben aber da nichts zu suchen, wo es um Diagnostik und ärztliche Entscheidungen geht", stellte der Vorstand der KVB klar. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass die Diskussion auch umgekehrt geführt werden könne: Wenn Apotheken zunehmend ärztliche Tätigkeiten übernehmen sollen, stelle sich die Frage, warum Ärztinnen und Ärzte im Gegenzug nicht auch Arzneimittel ausgeben dürfen, um Patientinnen und Patienten zusätzliche Wege zu ersparen.
Ebenso kritisch bewertet wurden Screening-Angebote von Drogeriemärkten. Solche Modelle könnten in Gesundheitssystemen mit eingeschränktem Zugang zur medizinischen Versorgung sinnvoll sein, etwa in den USA. In Deutschland hingegen sei der niedrigschwellige Zugang zu Haus- und Fachärzten bereits gewährleistet. Die KVB arbeite gemeinsam mit Partnern an Handreichungen für Arztpraxen, wie mit Patientinnen und Patienten umzugehen ist, die mit Testergebnissen aus dem Drogeriemarkt in die Praxis kommen und diese ärztlich interpretiert haben wollen.
Weiterer Schwerpunkt in den Vorträgen des Vorstands: Die zunehmende Bedeutung, die der Digitalisierung im Praxisalltag zukommt. In Bayern ist die Anbindung der Praxen an die Telematik-Infrastruktur weit fortgeschritten. Die überwiegende Mehrheit der angeschlossenen Praxen ist ePA-fähig, kann also die elektronische Patientenakte verarbeiten. Deutlicher Nachholbedarf besteht dagegen im stationären Bereich, in dem bislang nur wenige Einrichtungen ePA-fähig sind. Wie gut digitale Anwendungen in den Praxen funktionieren, hängt außerdem stark von den jeweiligen Praxisverwaltungssystemen ab. Die VV verabschiedete einstimmig einen Antrag, wonach der administrative Zeitaufwand aufgrund ungenügender Technik als Betriebskosten anzuerkennen ist.
Mit Sorge beobachtet der Vorstand der KVB den wachsenden Einfluss internationaler Tech-Unternehmen im Gesundheitsbereich. Immer mehr Unternehmen bieten KI-Chatbots oder digitale Angebote beispielsweise zur psychischen Gesundheit an, deren Qualität und medizinischer Nutzen häufig unklar sind. Aus Sicht des Vorstands der KVB benötigt der Einsatz von künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen klare internationale Aufsichtsstrukturen.
Schließlich konnte der Vorstand noch über einige erfolgreiche Vorhaben der KVB berichten. So entwickle sich die Digitaloffensive "KVB Direkt" sehr positiv. Bisher haben 24 Prozent der KVB-Mitglieder ihre Einwilligung zur Teilnahme gegeben, Tendenz stetig steigend. Besonders hervorgehoben wurde außerdem der KVB-"Pro Service", der sich insbesondere in der Abrechnung von Hybrid-DRG und von Leistungen in der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) als sehr leistungsfähig erwiesen habe. Die Dienstleistung der KVB habe sich in Bayern eine starke Marktposition erarbeitet und werde von den Kunden auf Grund ihrer Verlässlichkeit geschätzt. Auch interessierte Ärztinnen und Ärzte aus anderen Bundesländern können ihre Leistungen über den KVB-"Pro Service" zur Abrechnung bringen.